Was passiert, wenn junge Menschen nicht nur mitreden, sondern die Spielregeln verändern wollen? Die Debatte um einen Juso-Antrag auf dem Bezirksparteitag der SPD Mittelfranken wirft grundsätzliche Fragen zu Macht, innerparteilicher Demokratie und politischer Erneuerung auf. Ein persönlicher Kommentar von Florian Barth.
Warum die Debatte um einen Juso-Antrag zeigt, was sich in unseren Parteien ändern muss.
Von Florian Barth, Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Roth und Delegierter des Bezirksparteitags der SPD Mittelfranken
Wir fordern junge Menschen auf, sich politisch einzubringen. Wir beklagen fehlenden Nachwuchs, sinkendes Vertrauen in Parteien und die wachsende Distanz zwischen Politik und Gesellschaft. Doch was passiert eigentlich, wenn junge Menschen nicht nur mitreden, sondern die Spielregeln verändern wollen?
Auf dem Bezirksparteitag der SPD Mittelfranken ließ sich das eindrücklich beobachten.
Die Jusos hatten einen Antrag eingebracht, der eine demokratische Selbstverständlichkeit zum Gegenstand hatte: Die Verfahren zur Listenreihung bei Wahlen sollen transparent, ergebnisoffen und nachvollziehbar gestaltet werden. Wer über Kandidaturen verhandelt, soll dabei nicht gleichzeitig über die eigene Platzierung mitentscheiden.
Man kann über die konkrete Ausgestaltung eines solchen Verfahrens diskutieren. Man muss es sogar. Doch bemerkenswert war, aus welchem Personenkreis der vehemente Widerstand kam. Und noch bemerkenswerter war, was Teile der Gegenrede über das politische Selbstverständnis der Beteiligten offenbarten.
Plötzlich stand weniger die Frage im Mittelpunkt, wie demokratische Verfahren verbessert werden könnten, sondern der Anspruch auf politischen Einfluss und die Beteiligung an Macht. Ausgerechnet die Auseinandersetzung über mehr Transparenz machte sichtbar, wie selbstverständlich manche ihre eigene Position im bestehenden Gefüge betrachten.
Das war aufschlussreich. Denn wer gegen Veränderungen argumentiert und dabei vor allem den eigenen Machtanspruch erkennen lässt, liefert unfreiwillig eine Begründung dafür, warum solche Veränderungen notwendig sein können.
Dabei ging es um weit mehr als einen organisatorischen Ablauf.
Es ging um die Frage, wem eine Partei gehört. Den Menschen, die sie tragen und ihre politischen Überzeugungen teilen? Oder denen, die sich über Jahre in ihren Strukturen eingerichtet haben?
Politik braucht Macht. Ohne Mehrheiten, Mandate und Einfluss lassen sich gesellschaftliche Veränderungen kaum durchsetzen. Daran ist nichts Verwerfliches.
Politische Erfahrung ist wertvoll. Gewachsene Beziehungen sind es ebenfalls. Und selbstverständlich braucht jede Partei Menschen, die Verantwortung übernehmen und politische Mehrheiten organisieren können.
Problematisch wird es dort, wo aus Erfahrung ein Besitzanspruch, aus Verantwortung ein Anspruch auf Ämter und aus politischen Netzwerken ein System gegenseitiger Absicherung wird.
Dann verschiebt sich etwas Entscheidendes: Nicht mehr die Frage, wie wir die Probleme der Menschen lösen, steht im Mittelpunkt, sondern wie wir bestehende Positionen und Mandate sichern.
Das ist keine pauschale Unterstellung gegenüber Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern. Aber es ist ein Risiko, dem sich jede Partei stellen muss – gerade dann, wenn sie selbst Verantwortung für eine lebendige Demokratie beansprucht.
Wir diskutieren über den Vertrauensverlust in demokratische Institutionen und über den Rechtsruck in unserer Gesellschaft. Dabei lohnt auch der selbstkritische Blick nach innen. Denn demokratische Glaubwürdigkeit entsteht nicht allein durch richtige Beschlüsse und überzeugende Wahlprogramme. Sie entsteht ebenso dadurch, wie Entscheidungen getroffen werden, wer tatsächlich Einfluss hat und ob neue Ideen eine faire Chance bekommen.
Wer Beteiligung verspricht, aber Veränderung abwehrt, darf sich über Enttäuschung nicht wundern.
Das Problem reicht weit über innerparteiliche Listenaufstellungen hinaus.
Nehmen wir das Tempolimit auf Autobahnen. In einer repräsentativen Befragung vom Oktober 2026 bewerteten 58 Prozent der Befragten ein allgemeines Tempolimit positiv, lediglich 29 Prozent negativ. Trotzdem stimmten im Juli 2026 im Deutschen Bundestag auch 116 SPD-Abgeordnete gegen einen Gesetzentwurf zur Einführung von Tempo 130.
Natürlich ist eine Meinungsumfrage kein Gesetzgebungsauftrag. Und selbstverständlich müssen Parteien Kompromisse schließen. Doch politische Entscheidungen müssen erklärbar bleiben – insbesondere dann, wenn sie gesellschaftlichen Mehrheiten widersprechen.
Das gilt ebenso für die Energiewende, bezahlbares Wohnen, soziale Sicherheit und die Modernisierung unseres Bildungssystems.
Während wir über politische Zuständigkeiten und Finanzierungsvorbehalte diskutieren, wächst der Investitionsrückstand unserer Kommunen. Allein bei Schulen beziffert das KfW-Kommunalpanel 2026 den wahrgenommenen Rückstand auf rund 69 Milliarden Euro.
Wer soll jungen Menschen erklären, dass ihre Zukunft oberste Priorität hat, wenn wir gleichzeitig zulassen, dass ihre Schulen verfallen und notwendige Entscheidungen über Jahre vertagt werden?
Es wäre zu einfach, all das allein auf mangelnden politischen Willen zurückzuführen. Es gibt finanzielle Grenzen, unterschiedliche Interessen und reale Zielkonflikte. Aber ebenso wenig dürfen wir uns hinter diesen Schwierigkeiten verstecken, bis aus berechtigter Ungeduld grundsätzliche Enttäuschung wird.
Bei der Bundestagswahl 2025 waren gerade einmal 13 Prozent der Wahlberechtigten jünger als 30 Jahre. Dagegen waren 59,1 Prozent mindestens 50 Jahre alt. Das zeigen die Zahlen der Bundeswahlleiterin.
Das ist zunächst eine demografische Tatsache. Aber sie hat politische Folgen.
Wer heute jung ist, wird mit den Entscheidungen von heute besonders lange leben müssen. Mit den Folgen des Klimawandels, mit den Kosten unterlassener Investitionen, mit den Veränderungen des Arbeitsmarktes, mit einer alternden Gesellschaft und mit den Konsequenzen für unsere sozialen Sicherungssysteme.
Die Shell-Jugendstudie 2024 zeigt zugleich, wie intensiv junge Menschen die gesellschaftlichen Herausforderungen wahrnehmen. 63 Prozent sorgen sich um den Klimawandel, 81 Prozent um einen Krieg in Europa. Und entgegen manchem Vorurteil wächst ihr politisches Interesse.
Die Jungen wollen sich also keineswegs zwangsläufig aus der Gesellschaft verabschieden. Sie wollen gehört werden, Verantwortung übernehmen und ihre Zukunft mitgestalten.
Vielleicht müssen wir die viel beschworene Generationenfrage deshalb einmal umdrehen.
Nicht die Jungen hängen die Alten ab. Viel zu oft werden die Jungen von den Entscheidungen und Strukturen der Älteren abgehängt.
Das ist kein Vorwurf gegen ältere Menschen. Lebensalter entscheidet weder über politische Weitsicht noch über Reformfähigkeit. Es gibt junge Besitzstandswahrer und ältere Menschen, die mit beeindruckender Offenheit Veränderungen vorantreiben.
Entscheidend ist die Haltung.
Eine Gesellschaft, in der die Mehrheit der Wahlberechtigten älter wird, braucht nicht weniger, sondern mehr Bewusstsein für die Interessen derjenigen, die zahlenmäßig schwächer vertreten sind. Und dazu gehören auch Kinder und Jugendliche, die noch überhaupt nicht wählen dürfen.
Wie viel Kraft in einer jungen Generation stecken kann, zeigt gerade der Blick nach Serbien.
Nach dem Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024, bei dem 16 Menschen starben, entwickelte sich aus studentischen Protesten eine breite Bewegung gegen Korruption, Machtmissbrauch und fehlende politische Rechenschaft.
Am 25. Oktober 2026 gewann die von Studierenden aufgebaute Studentenliste nach vorläufigen Ergebnissen der serbischen Wahlkommission mit 52,71 Prozent der Stimmen die Parlamentswahl. Nach Jahren unter Aleksandar Vučić steht Serbien vor einem Machtwechsel.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur das Wahlergebnis. Die Studierenden beanspruchten nicht einfach selbst alle politischen Ämter. Sie organisierten einen Prozess, in dem Menschen aus Wissenschaft, Medizin und anderen gesellschaftlichen Bereichen für politische Verantwortung ausgewählt wurden.
Ob daraus eine erfolgreiche Regierung entsteht, wird sich erst zeigen müssen. Die politischen und institutionellen Verhältnisse in Serbien sind zudem nicht mit denen in Deutschland gleichzusetzen.
Aber die grundlegende Erkenntnis bleibt: Junge Menschen können weit mehr, als Plakate zu kleben, Wahlkampfveranstaltungen zu besuchen oder die nächste Generation von Funktionsträgern zu stellen.
Sie können bestehende Machtstrukturen hinterfragen, Menschen zusammenführen und politische Erneuerung organisieren.
Dafür müssen wir ihnen allerdings auch die Möglichkeit geben, tatsächlich etwas zu verändern.
Zurück nach Mittelfranken.
Der Antrag der Jusos wird weder unsere Demokratie retten noch alle Probleme innerparteilicher Machtstrukturen lösen. Er enthält Fragen, die rechtlich und organisatorisch sauber beantwortet werden müssen.
Aber das ist kein Argument gegen die Debatte. Es ist ein Argument dafür, sie ernsthaft zu führen.
Vielleicht kann es für Parteien sogar heilsam sein, wenn solche Prozesse angestoßen werden. Wenn Selbstverständlichkeiten hinterfragt werden. Wenn diejenigen, die bislang über Verfahren und Personalentscheidungen mitbestimmt haben, erklären müssen, warum diese Verfahren gerecht, transparent und zeitgemäß sind.
Das kann unbequem sein. Es kann Verunsicherung auslösen. Und es kann bedeuten, dass Menschen Einfluss abgeben müssen.
Aber gerade darin liegt die Chance.
Denn wir können nicht glaubwürdig gesellschaftliche Erneuerung fordern und gleichzeitig erwarten, dass innerhalb unserer eigenen Parteien möglichst alles so bleibt, wie es immer war.
Wir können nicht den Anspruch erheben, Machtverhältnisse in einer Gesellschaft gerechter zu gestalten, wenn wir die eigenen Machtverhältnisse nicht hinterfragen wollen.
Und wir sollten junge Menschen nicht nur dann ernst nehmen, wenn sie unsere Beschlüsse unterstützen, sondern gerade dann, wenn sie unsere Gewissheiten infrage stellen.
Nicht jede Veränderung ist automatisch richtig. Aber am Status quo festzuhalten, nur weil er manchen Sicherheit und Einfluss verschafft, ist auf jeden Fall falsch.
Die Demokratie braucht Parteien. Aber Parteien brauchen mehr als Mitglieder, Ämter und Mandate. Sie brauchen die Fähigkeit, sich selbst zu erneuern.
Denn am Ende sollte sich politischer Erfolg nicht daran messen, wie lange jemand ein Mandat behalten hat.
Sondern daran, was sich für die Menschen dadurch verbessert hat.
Die Zukunft unserer Demokratie darf kein Besitzstand ihrer Vergangenheit sein.